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Wissenschaftlich betrachtet

Interview mit Dipl.-Ing. Jens Schoene vom Institut für Schweißtechnik und Fügetechnik (ISF), RWTH Aachen University

Wie beurteilen Sie als Experte in Sachen Fügetechnik das Kleben im Vergleich zum mechanischen Verbinden?
Man kann natürlich nicht einfach überall das eine durch das andere ersetzen, es gibt aber jeweils sinnvolle Anwendungen. Vor allem im derzeit immer wichtiger werdenden Leichtbau bietet das Kleben enormes Potenzial. Leider sind Klebverbindungen mit dem bloßen Auge nicht so gut zu kontrollieren wie eine mechanische Verbindung. Das gilt für den Hausgebrauch wie für die Industrie.

Sind Klebverbindungen genau so belastbar wie mechanische Verbindungen?
Auf den ersten Blick natürlich nicht. Mechanische Verbindungen bestehen für gewöhnlich aus Metallen, damit sind sie per se "fester" als die meist eingesetzten polymeren Klebstoffe. Wenn man aber die Verbindung u.a. hinsichtlich Konstruktion und Oberflächenvorbehandlung klebgerecht herstellt, kann die Leistungsfähigkeit einer mechanischen Verbindung durchaus übertroffen werden. Beispiel faserverstärkte Werkstoffe: Hier hat eine Verschraubung oder ein Niet grundsätzlich erst einmal den Nachteil, dass die Fasern durchbohrt und damit unterbrochen werden. Eine Klebverbindung macht das nicht, man kann „mehr aus dem Material herausholen“.

Welches sind die besonderen Herausforderungen beim Weltrekordversuch „Beyond Limits“ bei 3M?
Wenn man sich genauer anschaut, welche Lasten wir hier mit welcher Klebfläche heben wollen, muss man sagen, dass der Versuch durchaus im Bereich des Machbaren liegt. Entscheidend für uns ist der Einsatz von „Hausmitteln“, also ein für jedermann verfügbarer Klebstoff und kein Einsatz von Hightech bei der Vorbehandlung bzw. beim Fügevorgang. Damit wollen wir nicht nur die potenzielle Leistungsfähigkeit zeigen, sondern auch die Verlässlichkeit, die durch moderne Klebstoffe geboten wird.

Wie zuversichtlich sind Sie angesichts der im Vorfeld nicht zu 100 Prozent kalkulierbaren Risiken, dass der Weltrekordversuch wirklich gelingt?
Im Gegensatz zum Prüflabor gibt es draußen "in der echten Welt" immer ein paar nicht oder nur schwer abzuschätzende Risiken wie z.B. Witterungseinflüsse. Das Wesentliche haben wir hoffentlich über die Vorversuche abgedeckt, und ansonsten hoffen wir, dass der Kranfahrer ein ruhiges Händchen hat...

Beim Weltrekordversuch werden 10 Tonnen Gewicht an einer Klebfläche von nur 7 cm Durchmesser hängen. Bitte erläutern Sie einem Laien, wie der Klebstoff funktioniert, damit er diesen enormen Zugkräften standhält.
Ein Klebstoff hat zwei Aufgaben: eine gute Anbindung an das zu verklebende Teil und eine gute "innere" Festigkeit, damit die Kräfte von einem zum anderen Ende übertragen werden können. Oftmals ist das größere Problem die Anbindung an die Oberfläche der Fügeteile. Der Klebstoff muss sich auf molekularer Ebene annähern können und darf dabei nicht durch störende Schichten wie z.B. Fett oder Schmutz gestört werden. Wenn man aber hier eine simple, ordentliche Vorbehandlung vorsieht, z.B. Entfetten und Anschleifen, hat man damit meist schon einen großen Schritt getan.


Live-Ticker
11:51: Olaf Kuchenbecker wird den Rekord überwachen und auf die Einhaltung der Regeln achten11.56 Uhr: Über 10t, 1h, mind. 1m über dem Boden. Die Klebefläche: 7cm Durchmesser12.00 Uhr: Der Weltrekord ist freigegeben. Das Team beginnt mit dem Aufbau.12.04 Uhr: Jetzt darf nichts mehr schief gehen.12.06 Uhr: Das Team arbeitet hochkonzentriert an der Aufhängung. Es kribbelt langsam.12.11 Uhr: Günter Gressler gibt das Signal zum Anheben!12.12 Uhr: Olaf Kuchenbecker bestätigt das Gewicht von 10,07t.12.13 Uhr: Ein kritischer Moment. Der LKW wird um 90 Grad geschwenkt. Hält der Kleber?12.14 Uhr: Der LKW ist in finaler Position12.15 Uhr: Die Mindesthöhe ist bestätigt.12.16 Uhr: Die Zeit von einer Stunde läuft ab jetzt!12.22 Uhr: Der LKW schwebt immer noch über dem Boden! Und das durch ein bisschen Kleber.12.27 Uhr: Das Wetter muss mitspielen. Wind würde den Rekord gefährden.12.32 Uhr: Ganz amerikanisch werden zum Guinness World Record natürlich Hot-Dogs serviert.12.36 Uhr: Die ersten 20 Minuten sind geschafft.12.46 Uhr: Auch nach 30 Minuten ist der LKW in stabiler Position.12.48 Uhr: Das Ergebnis der Umfrage: 96% glauben an den Weltrekord. Hoffentlich haben sie Recht!12.52 Uhr: Die Stimmung ist gespannt, aber sehr gut. Die Hot Dogs schmecken natürlich immer noch.13.00 Uhr: Der LKW hängt nun schon 44 Minuten. 13.02 Uhr: Der LKW gerät in's schwanken. 13.03 Uhr: Knackende Geräusche lassen den Atem anhalten.13.05 Uhr: Olaf Kuchenbecker lässt sich mit der Hebebühne zur Klebeverbindung heben13.07 Uhr: Entwarnung! Olaf Kuchenbecker stellt fest: Die Klebeverbindung hat gehalten.13.12 Uhr: Wir steuern auf die Zielgerade zu!13.17 Uhr: "An Tagen wie diesen"! Der alte Rekord ist geknackt.Geschafft!Wir gratulieren dem Welt-Rekord-Team!3M hat in Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen ganze Arbeit geleistet.